Azubis im Handwerk: Was junge Menschen wirklich überzeugt
Der Fachkräftemangel im Bau- und Handwerkssektor bleibt ein drängendes Problem. Prognosen gehen davon aus, dass bis 2030 rund 120.000 Arbeitskräfte im Baugewerbe fehlen könnten. Schon heute spüren viele Betriebe den Mangel an Nachwuchs deutlich. Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, während gleichzeitig die Nachfrage nach Bauleistungen hoch bleibt.
Eine aktuelle Untersuchung der Bertelsmann Stiftung wirft nun einen genaueren Blick darauf, wie Unternehmen versuchen, junge Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen und was davon tatsächlich ankommt.
Zusatzleistungen werden häufiger genannt, spielen aber eine Nebenrolle
Viele Betriebe reagieren auf den verschärften Wettbewerb um Nachwuchskräfte mit zusätzlichen Angeboten. In Stellenanzeigen für Ausbildungsplätze tauchen Extras inzwischen deutlich häufiger auf als noch vor einigen Jahren. Besonders auffällig ist der Anstieg bei Hinweisen auf Fahrtickets oder finanzielle Zusatzleistungen.
Doch die Studie zeigt auch: Diese Entwicklung trifft nur teilweise den Kern dessen, was Bewerber wirklich interessiert.
Das zählt für junge Menschen wirklich
Befragt wurden Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 25 Jahren. Ihre Prioritäten sind recht klar und unterscheiden sich teils deutlich von dem, was Unternehmen in Anzeigen hervorheben.
Ganz oben stehen konkrete Informationen zur Ausbildung selbst. Dazu gehören:
- Welche Aufgaben im Alltag tatsächlich anfallen
- Wie hoch die Ausbildungsvergütung ausfällt
- Wie die Arbeitszeiten geregelt sind
- Wo genau der Arbeitsort liegt
Zusatzleistungen wie Rabatte, Boni oder Vergünstigungen spielen dagegen eine deutlich geringere Rolle und landen im Ranking der Wichtigkeit eher im hinteren Bereich.
Für viele Jugendliche zählt also weniger das „Extra drumherum“, sondern vor allem die Frage, wie der Arbeitsalltag konkret aussieht und ob die Rahmenbedingungen passen.
Kommunikation bleibt entscheidend im Wettbewerb um Nachwuchs
Für Betriebe bedeutet das vor allem eines: Die Darstellung von Ausbildungsplätzen muss klarer und greifbarer werden. Wer junge Menschen erreichen will, sollte verständlich beschreiben, was sie im jeweiligen Beruf erwartet.
Gerade im Handwerk fehlen oft konkrete Einblicke. Was macht eine Zimmerin oder ein Straßenbauer eigentlich Tag für Tag? Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus? Und welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es nach der Ausbildung?
Auch Informationen zur späteren beruflichen Perspektive spielen eine wichtige Rolle. Viele junge Menschen interessieren sich dafür, welche Wege ihnen nach einem erfolgreichen Abschluss offenstehen, etwa Richtung Meistertitel, Selbstständigkeit oder Führungsaufgaben im Betrieb.
Benefits sind zwar wichtig, aber kein Hauptargument
Ganz abgeschrieben werden sollten Zusatzleistungen allerdings nicht. Sie können durchaus ein sinnvoller Bestandteil eines Ausbildungsangebots sein, vor allem wenn sie einen praktischen Nutzen haben.
Beispiele sind etwa Zuschüsse für den Arbeitsweg oder flexible Lösungen bei Arbeitszeiten, wenn der Einsatzort weiter entfernt liegt. Solche Maßnahmen werden eher als konkrete Unterstützung im Alltag wahrgenommen und weniger als reine Werbemaßnahme.
Interessant ist zudem eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage: Die betriebliche Altersvorsorge wird von vielen Jugendlichen als wichtig eingestuft, taucht in Ausbildungsanzeigen jedoch vergleichsweise selten auf. Hier liegt für Unternehmen ungenutztes Potenzial.
Ausbildungsmarkt unter Druck
Die Lage bleibt angespannt. Mehr als 54.000 Ausbildungsplätze blieben im Jahr 2025 unbesetzt. Gleichzeitig berichten viele Betriebe von zu wenigen Bewerbungen. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel: Ein wachsender Teil der Jugendlichen entscheidet sich nach der Schule zunächst gegen eine Ausbildung und für einen direkten Einstieg ins Arbeitsleben.
Das erhöht den Druck auf Unternehmen zusätzlich, sich klarer zu positionieren und die Vorteile einer Ausbildung sichtbar zu machen.
Klarheit schlägt Zusatzversprechen
Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich, dass junge Menschen bei der Berufswahl im Handwerk vor allem auf transparente und ehrliche Informationen reagieren. Entscheidend sind nicht in erster Linie zusätzliche Leistungen, sondern ein realistisches Bild des Berufsalltags.
Für Betriebe im Bau und Handwerk bedeutet das: Wer im Wettbewerb um Azubis bestehen will, muss weniger auf Hochglanzversprechen setzen und stärker auf Klarheit, Alltagstauglichkeit und Perspektiven. Zusatzangebote können das Paket ergänzen, ersetzen aber nicht die grundlegenden Informationen, die wirklich zählen.
Quelle: Magazin Direkt